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„Ich wollte nicht zuschauen, wie jährlich Tausende im Mittelmeer ertrinken.“

Mit diesen Worten beschrieb Arne Schmidt den Schülerinnen und Schülern des P-Seminars „Flüchtlingshilfe vor Ort“ am Gymnasium Parsberg seine Motivation, aus der heraus er mehrere Missionen für Sea-Eye als Kapitän gefahren ist. Das grundlegendste Menschenrecht auf Leben dürfe nicht einfach ignoriert werden. Sea-Eye ist eine deutsche Nichtregierungsorganisation (NGO) mit Sitz in Regensburg, die in Seenot geratene Menschen im Mittelmeer, überwiegend Flüchtlinge, vor dem Ertrinken bewahrt.

Zunächst gab der Referent einen Überblick über die Flüchtlingsströme aus Zentralafrika, vor allem aus Eritrea, Nigeria, Somalia, Mali und Gambia. Viele von ihnen kommen schon auf ihrem Weg aus an die Mittelmeerküste ums Leben. In Libyen werden sie in Lager gepfercht, in denen unbeschreibliche Zustände herrschen: „Authentische Handy-Fotos und -videos belegen die KZ-ähnlichen Verhältnisse in den sogenannten Privatgefängnissen“, „Exekutionen nicht zahlungsfähiger Migranten, Folter, Vergewaltigungen, Erpressungen sowie Aussetzungen in der Wüste sind dort an der Tagesordnung“, „Augenzeugen sprachen von exakt fünf Erschießungen wöchentlich in einem Gefängnis - mit Ankündigung und jeweils freitags, um Raum für Neuankömmlinge zu schaffen ...“ (Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article161611324/Auswaertiges-Amt-kritisiert-KZ-aehnliche-Verhaeltnisse.html, zuletzt aufgerufen am 8.2.2017)

Gegen sehr hohe Zahlungen werden die Flüchtlinge von Schleppern ans Ufer gebracht. Dort werden sie in völlig überfüllten, nicht hochseetauglichen Schlauchbooten ohne Schwimmwesten, ohne Trinkwasser und ohne ausreichend Treibstoff oft nachts auf die zentral Mittelmeerroute geschickt; sie sollten sich an einem von einem Gasfeld ausgehenden Licht orientieren, von dort aus könnten sei Lampedusa sehen, eine Insel, die zu Italien und damit zur EU gehört. Als Transportmittel werden auch alte, überfüllte Holzboote verwendet, die das Ziel aber wenigstens theoretisch erreichen könnten.


Ihr Hauptschiff der Regensburger NGO, die Sea-Eye, ist ein umgebauter DDR-Hochseefischkutter, dem man seine ca. 60 Jahre anmerkt. Die 7 - 12 Mann der Besatzung leisten Erste Hilfe, statten Flüchtlinge, deren Schlauchboote nicht mehr weiterkommen oder gar zu sinken drohen mit Schwimmwesten (viele sind Nichtschwimmer) und Trinkwasser aus, versorgen schwerer Verletzte und Schwangere in einer kleinen Bordambulanz. Bei Bedarf lassen sie Rettungsinseln zu Wasser. Dann rufen sie Hilfe (Ärzte ohne Grenzen, italienische Küstenwache). Flüchtlinge dürfen und können sie nur im äußersten Notfall an Bord nehmen, z. B. wenn diese schon im Meer treiben. Nach der Bergung der Flüchtlinge werden nach Möglichkeit die Schlauchboote zerstört, um eine mögliche weitere Todesfahrt zu verhindern.


Arne Schmidt beschrieb die dubiose Rolle der libyschen Küstenwache. Einerseits sei es ihre Aufgabe, gemäß einer Vereinbarung mit der EU an einer Überfahrt nach Europa zu hindern, weshalb sie immer wieder - auch im Angesicht der Helfer - Boote aufbringe, die Insassen verhafte und in die schrecklichen Lager zurückbringe. In Libyen würden Flüchtlinge sogar in die Wüste getrieben, um sie von Europa fernzuhalten. Um diesen hohen Preis seien die Flüchtlingszahlen zurückgegangen. Andererseits arbeite die Küstenwache mit Schleppern zusammen, die ihre „Kundschaft“ sogar anwürben. Schmidt schilderte eindrucksvoll für die Sea-Eye-Crew gefährliche Situationen, wenn dubiose, gewaltbereite „Fischer“ versuchen, Schlauchboote vor der Zerstörung für den nächsten Einsatz zu erobern.


Nachdem der Zeitzeuge Arne Schmidt dem P-Seminar sehr anschaulich einen Eindruck davon vermittelt hatte, welch schreckliche Dinge sich auf der Mittelmeeroute ereignen, schloss sich eine rege Diskussion an, wie man das Problem auf humane Art und Weise lösen könnte. Es zeigte sich, dass ein Zusammenwirken der Staatengemeinschaft auf den Feldern Politik, Wirtschaft und Gesellschaft herbeigeführt werden müsste, das derzeit nahezu utopisch sei.


Deshalb erscheint der Einsatz ehrenamtlicher Helfer, die für eine dreiwöchige Mission als abhängig Beschäftigte ihren Urlaub opfern oder als Selbstständige auf Einnahmen verzichten, aktuell erforderlich, um das Menschenrecht auf Leben zu wahren.


Überfülltes Flüchtlingsboot
Foto: Arne Schmidt

 Theo Emmer

© 2017 Gymnasium Parsberg